Hallo Liebling

Geschrieben 1987

Er knallte den Aktenordner zu und stellte ihn wieder unter K in den Schrank. Ein Blick auf seine teure Rolex. Viertel vor fünf. Feierabend. Er lächelte.

Seine Frau Martina würde sich freuen, dass er pünktlich zu Hause war. Er verließ sein Büro und betrat den Fahrstuhl. Dort traf er seinen Chef und dessen Sekretärin und plauderte kurz mit beiden. Er amüsierte sich innerlich wie immer über das Mädchen, das trotz ihrer höchsten vierundzwanzig Lenze schon wie eine alte Jungfer wirkte und ihn, den nicht schlecht aussehenden Mittdreißiger, bei jeder Gelegenheit von der Seite anhimmelte.

Auf dem Parkplatz fand er seinen Sportwagen. Sechs Zylinder, Turbo, über zweihundert PS und eine Wahnsinnsstereoanlage.

Er mochte diesen Wagen. Beim Starten genoss er wie immer das Aufbrüllen der sechs Zylinder. Sein Blick fiel auf das Foto seiner Frau, das in einem kleinen Kunstlederrahmen am Armaturenbrett prangte. Er liebte sie, denn sie war schön, clever, kultiviert und erotisch ein Hammer.

Mit einem verspielten Grinsen küsste er seinen Zeigefinger und tippte auf die Stelle des Bildes, wo ihre Stupsnase war.

Dann fuhr er los. Er stellte die Stereoanlage an und schob eine Disk rein. Leise begann die weiche Stimme von Richard Marx, seine Angelina zu besingen. Dann lenkte er den schweren Sportwagen in die Autobahnauffahrt und drückte das Gaspedal tiefer. Freudig nahmen die sechs Zylinder Gas an und der Turbo begann leise zu pfeifen. Fünfter Gang, sechseinhalbtausend Touren und die Tachonadel federte sich bei 220 km/h ein.

Während die Hooters ihren Jonny B. besangen, setzte er mit dem Zigarettenanzünder eine Davidoff in Brand.

Das Leben, ein Genuss.

Seine Gedanken waren jetzt wieder bei seiner Frau und seine Miene verdunkelte sich ein wenig. Sie hatte ihn verlassen wollen. Wegen ihres Tennislehrers. Das musste man sich mal vorstellen. Er riss sich jahrelang den Arsch auf, machte Karriere und buckelte, um den Zweitwagen, das Haus und letztendlich auch ihre gottverdammten Aerobic und Tennisstunden zu bezahlen. Und plötzlich wollte die Dame mit ihrem Tennislehrer durchbrennen.

Er hatte doch alles für sie getan. Alles. Was hatte ihr denn gefehlt? Ein Haus, ein Auto, ein Mann, der sich um alles kümmerte. Was wollte sie denn noch?

Sie hatten einen bösen Streit gehabt und ...

Plötzlich scherte vor ihm dieser Kleinwagen aus und er musste bremsen. Schwer stampfte er auf das Pedal und fluchte. Die Situation war eng. Links der alte VW Käfer, rechts ein Lastwagen, ein Monstrum aus Stahl und Technik neben einem Winzling.

David und Goliath, und der Verlierer war in diesem Fall der gar nicht lachende Dritte.

Niemals würde er seinen Wagen rechtzeitig zum Stehen kriegen. Nicht auf diese Distanz.

Er schloss die Augen, trat das Pedal noch fester und wartete auf den Knall, der alles beenden würde.

Aber der blieb aus.

Er öffnete die Augen und sah, dass der Kleinwagen nicht mehr da war. Auch der Lastwagen war verschwunden. Einfach so?

Ein Blick in den Rückspiegel. Nichts! Die Autobahn war leer. Nur von etwas weiter hinten näherten sich jetzt zwei Fahrzeuge nebeneinander.

Und er stand! Auf der linken Spur!

Einen Moment lang starrte er auf die leere Fahrbahn. Er sah noch immer den Käfer vor sich, den Lastwagen, die wenigen Meter, die ihn vom Aufprall getrennt hatten. Er hörte beinahe noch das Kreischen der Reifen.

Dann sah er wieder in den Rückspiegel.

Nichts.

Er schluckte. Vielleicht hatte er sich geirrt. Vielleicht war er einfach nur müde. So etwas kam vor. Man durfte sich von einem Schreck nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Er gab wieder Gas. Sofort. Beschleunigte den Wagen so schnell es ging.

Fünfter Gang, sechseinhalbtausend Touren. Das Gefühl, wenn die etwa 1500 Kilo Stahl, Kunststoff und Technik sich zu strecken schienen, der Motor aufbrüllte und der ganze Wagen einen Satz nach vorne machte. Geradezu berauschend.

So war es richtig. Alles funktionierte. Der Wagen gehorchte ihm. Er hatte die Kontrolle.

Seine Gedanken schweiften wieder zu seiner Frau ab.

Sie hatte sich einfach eines Abends vor ihm aufgebaut und gesagt:

„Ich werde dich verlassen, Peter.“

Erstaunt hatte er aufgesehen und sie gefragt, ob das ihr Ernst sei.

„Ja, Peter, mein bitterer Ernst. Es ist aus. Ich werde die Scheidung einreichen.“

Er fragte, was geschehen sei, und sie erzählte ihm die Sache mit dem Tennislehrer.

Zunächst war er ganz ruhig gewesen. Er hatte sie angesehen und versucht, zu verstehen, was sie da eigentlich sagte. Sie wollte ihn verlassen? Ihn? Nach all den Jahren? Nach allem, was er für sie getan hatte?

Doch so nach und nach fing er an, sich aufzuregen.

Er schrie und tobte, dann weinte und schließlich bettelte er. Er versprach, sich zu ändern. Er fragte, was er denn falsch gemacht habe. Er wollte wissen, ob ihr das alles nichts bedeutete. Das Haus, das Auto, die gemeinsamen Jahre.

Aber sie blieb dabei.

Sie wollte gehen.

Und dann ...

Jetzt lag die Einfahrt seines, nein, ihres kleinen Häuschens vor ihm. Der schnittige Wagen glitt in die Einfahrt hinein und er betätigte die Fernsteuerung für das Garagentor.

Er drehte den Zündschlüssel und der Motor starb ab.

Nach ihrem Streit damals hatte er selbst zum Telefon gegriffen und mit diesem Tennislehrer gesprochen.

Nein, Martina werde nicht kommen. Man habe sich versöhnt und sie ... Nein, sie werde nicht ans Telefon kommen. Sie wolle nicht mehr mit ihm sprechen.

Er stieg aus, schaltete die Alarmanlage ein und ging ins Haus.

„Hallo Liebling, ich bin wieder da.“

Er setzte sich locker auf die Lehne ihres Sessels. Ihr Lächeln war extrem breit.

„Ich werde uns erst mal einen Tee machen.“

Er stand auf, nahm die Tassen vom Vorabend vom Tisch und ging in die Küche. Dort verstaute er die Tassen in der Spülmaschine und schaltete diese an. Er sprach jetzt lauter, um die Distanz bis ins Wohnzimmer zu überbrücken.

„Wie war dein Tag, Liebling?“

„Ach wirklich? Ist ja hochinteressant.“

Die Spülmaschine rauschte und nahm ihre Arbeit auf.

„Danke, bei mir ging's.“

„Nein, ich habe deine Mutter heute nicht gesehen.“

Dann nahm er die Teekanne und zwei Tassen aus dem Schrank, stellte alles auf ein Tablett und trug es ins Wohnzimmer. Er stellte es auf den Tisch, legte eine Platte auf und setzte sich ihr gegenüber. Ernst schaute er sie an.

Aus den Lautsprecherboxen erklang leise Chris de Burghs „Ballroom of Romance“.

„Du siehst nicht besonders gut aus, Liebling. Du wirst doch nicht etwa krank werden?“

... in a Ballroom of Romance ...

„Das wäre nicht schön, jetzt, wo es auf den Hochsommer zugeht. Ruhe dich ruhig etwas aus. Du wirst sehen, dir geht es bestimmt bald wieder besser.“

... and the last that I remember was a kiss ...

„Es wird ein herrlicher Hochsommer, du wirst sehen.“

... in a Ballroom of Romance ...

„Aber natürlich helfe ich dir, mein Schatz.“

Er stand auf, ging um den Tisch herum, nahm ihre Tasse und setzte sie ihr an die vermoderte Unterlippe. Liebevoll und vorsichtig goss er den Tee in ihren verzerrten Mund.

„Pass auf. Heiß.“

Der Tee floss durch die ausgetrocknete und nicht wieder zugewachsene Wunde, die er ihr mit dem Messer direkt hinter der Kinnspitze von unten nach oben zustoßend beigebracht hatte.

Damals bei ihrem Streit, vor fünf Monaten.

„Oh Liebling, du kleckerst schon wieder.“

Dann lachte er laut und küsste ihre mumifizierten Lippen.

„Nur ein Scherz, Liebling. Nur ein Scherz.“

... life goes on ...