An Tagen wie diesen ...

Geschrieben im Sommer 2004.
Freitag, 9:52 Uhr Ortszeit
Empire State Building, New York, USA
Es ist einer dieser eisig kalten Herbstmorgen in New York. Zwischen den Wolkenkratzern fliegen nur wenige Vögel.
Geschäftige Broker eilen mit ihren Trendhandys am Ohr und hochgeschlagenen Mantelkragen zur Arbeit. Ein sonniger, friedlicher Tag, an dem trotz der hektischen Atmosphäre an manchen Stellen noch eine gewisse Gemütlichkeit vorherrscht.
Die Kaffeeverkäufer und Kioskbesitzer tragen ihren Teil dazu bei. Sie verbreiten jene Atmosphäre, die ein New Yorker als Heimat bezeichnen würde.
So mancher nimmt sich trotz aller Hektik die Zeit, in Ruhe einen Becher „Mudd“ zu schlürfen, die Finger an dem heißen Becher zu wärmen und den Blick über die Schlagzeilen der New York Times oder die vorbeieilenden Passanten schweifen zu lassen.
Und über allem ragt die stolze Silhouette des Empire State Building empor. Zurzeit ist es gerade wieder das höchste Gebäude der Stadt.
Freitag, 9:53 Uhr Ortszeit
Empire State Building, New York, USA
Das Krachen ist so gewaltig, wie es selbst das ewig pulsierende und lärmende New York noch nie gehört hat. Anders als das World Trade Center damals, das noch eine kleine Weile stehen blieb, fällt das Empire State Building augenblicklich in sich zusammen. Auch einige der umliegenden Wolkenkratzer stürzen ein oder werden schwer beschädigt. Die Zahl der geborstenen Fensterscheiben ist nicht zu erfassen und wird es niemals sein.
Kurz nach dem Knall, der so gewaltig ist, dass der anschließende Augenblick der Stille den Eindruck erweckt, der sonstige Lärm sei verschluckt worden, steigt ein riesiger Rauchpilz in den Himmel.
In der Nähe des Empire State Building hat dieser Pilz die Wirkung einer Sonnenfinsternis. Es wird dunkel. Noch zwei Blocks weiter sind Menschen regelrecht verdampft. Die Liste der Vermissten, die Tage später veröffentlicht wird, soll später als Liste der Opfer bezeichnet werden.
Das Unfassbare ist geschehen: eine Atomexplosion mitten in New York!
Freitag, 10:42 Uhr Ortszeit
White House, Washington D. C., USA
Der Präsident macht einen geschockten Eindruck. Seine Stimme ist belegt, seine Nachricht unfassbar.
„Heute um 9:53 Uhr Ortszeit sind die Vereinigten Staaten erneut Opfer eines unfassbar grausamen und hinterhältigen Anschlags geworden. Wir wissen noch nicht, wer für diese Atomexplosion verantwortlich ist. Aber wir werden die Schuldigen finden und mit aller Härte bestrafen. Viele Bürger unseres Landes wurden Opfer einer schrecklichen Tragödie.“
Der Präsident spricht lange. Er schwört die Bürger auf die Vergeltung ein, die folgen müsse, wenn viele Tausend Amerikaner Opfer eines solchen Anschlags würden.
Er spricht von Entschlossenheit, von Stärke und davon, dass Amerika sich nicht einschüchtern lassen werde. Noch weiß niemand, wer hinter dem Anschlag steckt. Doch eines steht für den Präsidenten bereits fest: Die Verantwortlichen müssen bezahlen.
Samstag, 12:11 Uhr Ortszeit
Washington D. C., USA
Jean Louis le Beau und Walter Hermetz treffen sich in einem Diner. Die beiden verbindet mehr als ihre offizielle Tätigkeit für die Botschaften ihrer jeweiligen Nation.
Schon viele Jahre zuvor haben sie sich im Nahen Osten kennengelernt. Keiner von beiden ist wirklich das, was er vorgibt zu sein.
„Jean Louis, wir müssen handeln. Wenn die das durchziehen, bedeutet es das Ende der uns bekannten Zivilisation.“
Walters Stimme ist leise, mehr ein Flüstern. Jean Louis ist nervös. Er hat seinen Milchkaffee so lange gerührt, bis er endgültig kalt geworden ist. Dann setzt er die Tasse an, nippt daran und flucht.
„Merde, diese Amerikaner. Die kochen sogar ihren Kaffee kalt.“
Jean Louis hat sein Feuerzeug vermutlich nur ein einziges Mal benutzt, seit sie hier sitzen, um seine erste Zigarette anzuzünden. Alle weiteren hat er an ihren Vorgängern entzündet.
Seine Hände zittern, er ist unrasiert. Walter hat seinen Freund noch nie in einem derart desolaten Zustand erlebt.
„Was sollen wir beide schon tun, Walter? Wir sind allein und haben keine Beweise.“
„Die Russen haben Beweise. Die können uns helfen.“
„Das werden sie nicht tun, mon ami. Du weißt, warum.“
„Wir müssen es zumindest versuchen, Jean Louis.“
Wütend reißt Walter dem Franzosen die Zigarette aus der Hand.
„Was ist überhaupt los? Ich kenne dich nicht wieder. Hast du Angst?“
Le Beau sieht seinen deutschen Freund einen Augenblick lang an. Er mustert ihn, dann füllen sich seine Augen mit Tränen.
„Marie, meine Frau. Sie ist gestern Morgen zum Einkaufen gefahren. Nach New York. Unsere Tochter wollte das Empire State Building sehen.“
Die Stimme des Mannes bricht.
Auch dem Deutschen sitzt nun ein Kloß im Hals. Er kennt Marie. Oder besser gesagt: Er kannte sie.
Als Walters Frau starb, haben Jean Louis und Marie ihm sehr geholfen. Einen Augenblick lang schweigen beide und lassen ihren Gedanken freien Lauf.
Der Franzose, von dem Walter gelernt hat, wie man eine Garrotte benutzt, der in seinem Leben bereits mindestens zwei Staatsfeinde der Grande Nation mit bloßen Händen getötet hat, lässt seinen Tränen freien Lauf.
In diesen Tagen ist es in den USA nichts Ungewöhnliches, weinende Menschen zu sehen.
Erste Schätzungen gehen von etwa 600.000 bis 800.000 Opfern aus. New York war groß.
Sonntag, 20:09 Uhr Ortszeit
Berlin, Deutschland
Der deutsche Bundeskanzler ist mit der Situation offenbar überfordert. Vor wenigen Minuten hat er mit dem amerikanischen Präsidenten gesprochen. Sie haben lange geredet. Dabei war das Verhältnis zwischen den beiden in den vergangenen Jahren eher angespannt gewesen.
Der Kanzler versteht die Aufregung des Präsidenten. Aber Soldaten? Nein. Die Bundeswehr wird keine Angriffskriege führen.
„Natürlich, Mr. President. Präventivkriege führen. Bitte? Nein, Mr. President. Natürlich ist uns die Bedeutung der Situation bewusst. Aber ich kann das nicht allein entscheiden. Wir haben hier ein anderes System. Ja, natürlich, Mr. President.“
Der Kanzler legt auf. Er bleibt einen Augenblick sitzen und starrt auf den Hörer.
Montag, 08:09 Uhr Ortszeit
Berlin, Deutschland
Der Kanzler wendet sich an die Regierung.
Die Bundeswehr soll die amerikanischen Verbündeten unterstützen. Der Krieg gegen den Terror müsse mit aller Härte geführt werden, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiere. Und dann vielleicht auch noch auf deutschem Boden.
Die Opposition stellt sich quer. Es sei kein Geld vorhanden. Außerdem gebe es da noch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Zur gleichen Zeit treffen sich Le Beau und Hermetz in Oklahoma mit Vertretern der sowjetischen und der südkoreanischen Botschaft.
Le Beau wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Der Deutsche macht sich große Sorgen um seinen Freund.
„Wir müssen diese Beweise an die richtigen Stellen weiterleiten.“
Sie wissen inzwischen, dass es nicht nur um die Entlastung Nordkoreas geht. Die abgehörten Gespräche und die dazugehörigen Aufzeichnungen führen weiter, als ihnen lieb sein kann. Eine Spur endet dort, wo niemand sie vermuten soll.
In Washington.
Le Beau sieht Walter an. Keiner von beiden spricht aus, was sie denken.
Ein Telefon. Kein Klingeln. Nur ein kleines blinkendes Lämpchen.
Der Mann am Schreibtisch nimmt ab. Er meldet sich nicht, denn wer dieses Telefon anruft, der weiß, wen er sprechen will.
„Hallo?“, klingt es aus dem Hörer. „Sind Sie dran?“
„Hören Sie es noch klingeln?“
Die Stimme des Angerufenen hat einen aggressiven Ton angenommen.
„Okay, gut. Wir haben gesehen, wie sich der Franzose und der Deutsche mit zwei Agenten getroffen haben. Einer ist Russe. Von dem anderen wissen wir noch nichts. Vermutlich ein Koreaner oder so. Sie haben Beweise. Es wurden Telefongespräche abgehört. Sie wollen diese Beweise an die UN weitergeben.“
Am anderen Ende der Leitung herrscht für einen Moment Stille.
„Das darf nicht geschehen. Die Entscheidung ist gefallen. Sie wissen, was zu tun ist.“
Dann legt er den Hörer auf.
Dienstag, 11:32 Uhr Ortszeit
Berlin, Deutschland
In der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes laufen die Telefone heiß. Einer der besten deutschen Agenten ist tot!
Hermetz hat sich in einem Hotelzimmer in Oklahoma eine Kugel in den Kopf gejagt. In einem Abschiedsbrief erklärt er, dass er mit der Tragweite seiner Handlungen nicht weiterleben könne.
Der Brief ist mit einer Schreibmaschine geschrieben. Hermetz' Vorgesetzter kocht innerlich vor Wut.
Hermetz hätte einen solchen Brief niemals mit der Maschine geschrieben. Er hasste maschinengeschriebene Briefe. Seinem Vorgesetzten hatte er einmal gesagt:
„Karl, es gibt nichts Übleres für mich als diese Maschinenbriefe. Ich finde, solche Briefe bringen einfach nichts Persönliches rüber. Sie sind kalt.“
Hermetz hat sich nicht das Leben genommen. So viel ist klar.
Aber wer hat ihn getötet?
Mittwoch, 9:11 Uhr Ortszeit
Washington D. C., USA
Da in New York der Ausnahmezustand herrscht, tagen die Vereinten Nationen vorübergehend in Washington. Man musste schließlich eine Regelung treffen.
Le Beau hält den Aktenkoffer so fest, dass seine Knöchel weiß hervortreten. Ihm ist klar, dass er die USA wahrscheinlich nicht lebend verlassen wird. Aber das ist ihm gleich. Er muss in das UN Gebäude, egal wie.
Sein Leben ist nicht mehr wichtig. Er schaut auf seine Uhr. Eine Schweizer Uhr. Ein Geschenk von Marie zum Hochzeitstag.
***
Durch das Zielfernrohr des Präzisionsgewehrs kann der Schütze sogar erkennen, dass Le Beau sich am Morgen beim Rasieren geschnitten hat.
Das Fadenkreuz pendelt sich auf eine Stelle knapp oberhalb von Le Beaus linkem Ohr ein. Der Zeigefinger am Abzug sucht den Druckpunkt.
***
Die Frau, die Le Beau anrempelt, will sich gerade entschuldigen, als sich ihr Gesicht in eine blutende, offene Wunde verwandelt.
Ihr Blut spritzt über Le Beaus Gesicht.
Er reagiert geistesgegenwärtig und lässt sich fallen. Für den Bruchteil einer Sekunde denkt er, dass er Glück gehabt hat, nicht von dem Geschoss getroffen worden zu sein. Um ihn herum entsteht plötzlich Hektik.
Eine Frau beginnt zu schreien und versucht wegzurennen. Sie fängt dabei das nächste Geschoss ab, das für Le Beau bestimmt war.
Sicherheitsleute, die zum Schutz des provisorischen UN Gebäudes abgestellt wurden, ziehen ihre Waffen und zielen nervös auf die umliegenden Dächer.
Vereinzelt fallen Schüsse.
***
Der Scharfschütze murmelt einen Fluch, bevor er sich zurückzieht.
Bei dem Russen gestern Abend war es einfacher gewesen.
***
Zwei Sicherheitsbeamte helfen Le Beau auf die Füße.
„Sind Sie verletzt, Sir? Können wir Ihnen helfen?“
„Nein“, stammelt Le Beau.
„Kommen Sie, Sir. Hier entlang.“
Der Beamte zieht Le Beau in Richtung des UN Eingangs.
Praktisch für Le Beau. Da wollte er doch hin.
Mittwoch, 14:45 Uhr Ortszeit
Washington D. C., USA
Der französische UN Beauftragte hat sich Redezeit erbeten. Nach einer langen Rücksprache mit Paris weiß er nun, was er zu tun hat.
Aber er hat Angst. Denn er weiß nicht, was passieren wird, wenn er aufsteht und die wahren Hintergründe des Anschlags von New York offenlegt.
Die Beweise, die er vorlegen will, entlasten Nordkorea. Doch sie zeigen noch etwas anderes. Die abgehörten Gespräche lassen keinen Zweifel daran, dass die Spur bis in die amerikanische Führung reicht.
Le Beau weiß, was das bedeutet. Wenn er die Unterlagen vorlegt, wird nicht nur ein falscher Verdacht ausgeräumt. Dann wird ein Mann entlarvt, der gerade sein ganzes Land auf Vergeltung eingeschworen hat.
In Paris, Berlin, Moskau, Peking und vielen anderen Hauptstädten der Welt laufen zu diesem Zeitpunkt bereits erste streng geheime Krisensitzungen.
Wie wird die Weltöffentlichkeit reagieren?
Wie wird der Verantwortliche in Washington reagieren?
Le Beau blickt auf die Uhr, die Marie ihm geschenkt hat.
Bestimmt nicht gut.
Mittwoch, 21:45 Uhr Ortszeit
Washington D. C., USA
„... hat ein weiteres brutales Attentat die Weltöffentlichkeit erschüttert. Heute Nachmittag, gegen 14:45 Uhr Ortszeit, explodierte eine Giftgasgranate im provisorischen Hauptsitz der UN in Washington. Keiner der anwesenden Personen überlebte dieses tragische...“
Telefone laufen heiß.
Die Unterlagen, die den Verantwortlichen entlarven, sind nicht nur nach Washington zum UN Gebäude gebracht worden.
Die Faxgeräte waren schneller. Kopien gelangten überall hin.
Moskau, Peking, Berlin, Paris, Tokio, Seoul.
Man wird dieses Attentat nicht hinnehmen. Auf keinen Fall.
Auch nicht von ihm.
Erst recht nicht von ihm!
Freitag, 08:45 Uhr Ortszeit
Ein einfaches Stück Wüste in Nevada
Keine rhythmischen Sirenen. Kein Rotlicht. Kein Gerenne.
Der Wüstenboden teilt sich.
Einfach so, wie von Geisterhand.
Langsam, ruckfrei und fast majestätisch wachsen die Spitzen der Interkontinentalraketen aus dem Wüstenboden.
