Der Clown

Aus der "Generation Z" Welt, Frühjahr 2024

Seit die Scheiße angefangen hatte zu kochen und die ganze Welt in einem verdammten Szenario aus Blut, Gedärmen und Körperteilen unterging, hatte er sich versteckt.

Durch die Szenen vor seinem Fenster und die vielen Videos im Internet war ihm klar geworden, dass das da draußen nicht mehr seine Welt war. Als die Bundesregierung die Menschen aufforderte, daheim zu bleiben, folgte er diesem Aufruf bereitwillig. Schließlich hatte er sich schon nach der letzten Grippepandemie einen kleinen, bescheidenen Vierzehn Tage Vorrat zugelegt.

Als die Menschen dann schon wieder anfingen, Klopapier zu horten, konnte er sich entspannt zurücklehnen. Er hatte einen Internetanschluss, genug Vorräte und Fernsehen. Er musste da nicht raus.

Als der Strom ausfiel, las er Bücher und ging eben früher schlafen. Er wartete darauf, dass die Bundeswehr oder wer auch immer dieses Chaos beseitigen würde. Doch irgendwann gingen ihm langsam die Vorräte aus.

Er wollte eigentlich auf keinen Fall da raus, aber er bekam Hunger und wusste, dass er etwas finden musste.

Zuerst hatte er beschlossen, in den Wohnungen seiner Nachbarn nachzusehen. Das ganze Haus war seit Tagen ruhig geblieben. Eigentlich hatte man früher immer mal etwas aus einer der anderen Wohneinheiten gehört, aber von den anderen drei Mietparteien war nichts zu vernehmen.

Direkt nebenan wohnte eine alte Dame. Er nannte sie gern „Hexe“, denn er konnte sich nicht erinnern, sie jemals lachen gesehen zu haben. Dafür hielt sie sich nicht mit Beschwerden über die Kinder der Nachbarschaft zurück. Wie alle alten Damen hatte sicher auch sie ihre Speisekammer gut gefüllt.

Vielleicht ließ sie sich ja erweichen?

Wenn sie überhaupt noch da war.

Vorsichtig zog er seine Wohnungstür einen Spalt auf und lauschte in den Hausflur hinein.

Nichts! Kein Laut war zu hören.

Leise schlich er zur Tür der Nachbarin, legte vorsichtig sein Ohr an das Türblatt und horchte.

Immer noch nichts.

Plötzlich fragte er sich, wo die alte Dame wohl sein sollte, wenn nicht daheim. Viele Möglichkeiten gab es da nicht. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sie das letzte Mal gesehen hatte. Vielleicht war sie einkaufen gegangen und unterwegs von einem dieser Untoten angefallen und getötet worden?

Oder sie war eine von denen geworden. Diese Monster kannte er nur aus der Entfernung, beobachtet vom Küchenfenster aus und hinter zugezogenen Gardinen. Doch er glaubte nicht, dass diese Wesen noch an so etwas wie ein Zuhause dachten.

Sein Magen begann zu knurren und machte ihm deutlich, dass es Zeit wurde, etwas zu essen.

Er musste in diese Wohnung, ob er wollte oder nicht.

Nun gut, eigentlich wusste er genau, was er wollte. Aber ihm blieb nichts anderes übrig. Also beschloss er zunächst einmal, zu klopfen.

Erst zaghaft, dann etwas fester, ließ er seine Fingerknöchel gegen das Türblatt donnern. Wieder horchte er in die Wohnung hinein.

Da war nichts. Gar nichts.

Vorsichtig rüttelte er an der Tür, doch sie war fest verschlossen. Er brauchte ein Werkzeug. Da fiel ihm sein Stemmeisen ein, das noch im Keller lag. Ideal, um Wohnungstüren aufzuhebeln.

Wieder knurrte sein Magen. Ihm blieb keine Wahl. Vorsichtig schlich er im Treppenhaus hinunter, um den Keller zu erreichen. Immer wieder blieb er stehen und horchte, doch der Weg war frei.

Schon wenige Minuten später schob er das Stemmeisen in den schmalen Spalt zwischen Türblatt und Rahmen. Sicherheitshalber hatte er einen Hammer mitgebracht. Vorsichtig setzte er an. Eigentlich wollte er keinen Lärm machen, aber schnell wurde klar, dass er das Eisen nicht so einfach in den Spalt bekommen würde.

Mit einem Stoßseufzer hob er den Hammer und schlug beherzt zu.

Einmal.

Pause. Lauschen.

Zweimal.

Erneute Pause. Lauschen.

Das Eisen schien nun tief genug zu sitzen, und er begann daran zu zerren.

„Gebt mir einen Hebel, der lang genug ist, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich die Welt mit einer Hand bewegen“, sollte Archimedes gesagt haben. Dennoch war er jetzt kaum in der Lage, eine einfache Wohnungstür aufzuhebeln.

Erst nach einiger Mühe wurde ihm klar, was der Leitsatz des Archimedes für ihn bedeutete. Er griff das Stemmeisen ganz hinten und zog mit aller Kraft daran. Mit einem letzten Krachen sprang die Tür auf, und er fluchte leise.

So viel zu: möglichst leise sein.

Vor ihm lag der leere Wohnungsflur der alten Dame. Die Wohnung war genau spiegelverkehrt zu seiner gebaut, daher fand er die Küche sofort. Sicherheitshalber schaute er vorher in die anderen Räume. Dabei hielt er das Stemmeisen ständig schlagbereit, doch die alte Dame war nicht da.

Sie hatte jedoch reichlich Lebensmittel gebunkert. Tomaten und Suppen in Dosen, Pilze in Gläsern und sogar ein paar Gläser Marmelade.

Vorsichtig öffnete er den Kühlschrank und fand sogar hier noch ein paar Sachen, die nicht abgelaufen waren. Aber der Strom war bereits seit einigen Tagen ausgefallen. Also ließ er lieber die Finger davon.

Er nahm, was er tragen konnte, und brachte es in seine Wohnung. Dieser Fund würde ihn ein paar Tage weiterbringen.

Bis dahin wäre hoffentlich die ganze Krise vorbei.


Doch die Krise ging nicht vorbei. Er versteckte sich noch immer in seiner Wohnung, las die Bücher der alten Frau und verzehrte erst kalte Erbsensuppe, dann das Obst und irgendwann sogar die eingelegten Tomaten aus der Dose.

Als diese Vorräte aufgebraucht waren, nahm er sich die nächste Wohnung vor. Auch diese fand er leer vor, allerdings mit deutlich weniger Lebensmitteln. Er erinnerte sich, dass hier ein junger Mann gewohnt hatte.

Der war wohl nicht so der Typ, der auf Vorrat einkaufte.

In der letzten Wohnung hatte eine junge Frau gewohnt, daran konnte er sich noch erinnern. Doch nachdem auch diese Tür seinem Stemmeisen zum Opfer gefallen war, stellte er fest, dass die Nachbarin wohl schon vorher ausgezogen war. Hier standen nicht einmal mehr Möbel.

So blieb ihm keine Wahl. Er würde sein Versteck verlassen müssen.

Ein paar Häuser weiter, nur ein Stück die Straße hinunter, standen einige Einfamilienhäuser. Viele Familien mit Kindern. Hier würde sich sicher etwas finden lassen.

Wie viele Monster sich zwischen ihm und dem gelobten Land befanden, wollte er gar nicht wissen.

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, nachts zu gehen. In der Dunkelheit würden sie ihn nicht so leicht sehen können. Der Plan erschien ihm gut, auch wenn er den Haken hatte, dass er die Monster ebenfalls nicht sehen konnte.

Doch die waren im Allgemeinen nicht sehr leise.

Das würde schon gehen.


Als er an diesem Abend leise die Haustür aufzog, wurde ihm bewusst, dass er diese Siedlung noch nie so dunkel gesehen hatte. Zwar stand der Mond fast voll am Himmel, aber es gab genügend dunkle Ecken.

Viel war nicht zu sehen. Aufmerksam spähte er zunächst in beide Richtungen.

Doch es war keinerlei Bewegung auszumachen. Wenn er kurz darüber nachdachte, hatte er schon seit zwei Tagen keine Monster mehr gesehen. War es vorbei? Hatten irgendwelche Aufräumaktionen endlich Erfolg gezeigt?

Doch solange er nicht sicher war, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Mission fortzusetzen. Er konnte unmöglich warten. Dafür hatte er einfach zu viel Hunger.

Also schlich er weiter. Er versuchte, sich selbst einzureden, dass der leise Funke Hoffnung, der sich in seinem Herzen eingenistet hatte, nichts zu bedeuten hatte. Ohne Zwischenfall erreichte er wenige Minuten später das erste Einfamilienhaus. Fast schon frohen Mutes klopfte er nach kurzem Lauschen an die Tür.

Er bekam keine Antwort.

Die Haustür sah sehr massiv aus. Mit dem Stemmeisen würde er hier kaum eine Chance haben. Er beschloss, um das Haus herumzugehen.

Vielleicht gab es eine Hintertür.

Oder eine Terrasse. Immerhin hatten diese Häuser fast alle Gärten. Und interessanterweise neigten viele Menschen dazu, sich mit einer massiven Haustür zu schützen, aber an der Rückseite große Glastüren zum Garten einbauen zu lassen.

Wegen der Aussicht.

Tatsächlich fand er einen Garten vor. Offensichtlich lebte hier eine Familie mit Kindern. Für diese Kids hatte der Hausherr tief in die Tasche gegriffen und ein großes Klettergerüst angeschafft.

Auf einem kleinen Turm thronte, in gut zwei Metern Höhe, sogar eine Hütte, auf drei Seiten von einer kleinen Veranda umgeben. Zu einer Seite führte eine steile Leiter hinauf, auf der nächsten befand sich eine Rutsche und an der dritten das Schaukelgestell.

Das war dann wohl der Rolls Royce unter den Klettergerüsten.

Er leckte sich die Lippen bei dem Gedanken daran, dass in diesem Haus wohl eher selten Erbsensuppe aus der Dose gegessen worden war.

Wie erwartet führte eine große gläserne Terrassentür direkt ins Wohnzimmer. Auf gut vier Metern Breite bot sich seinem Stemmeisen eine hervorragende Angriffsfläche.

Zunächst versuchte er, die Tür seitlich aufzuhebeln. Das misslang nicht nur, es ergab sich auch ein Lerneffekt für ihn.

Denn die Häuser reicher Leute haben zumeist Alarmanlagen, und diese werden gerne mal durch Batterien mit Strom versorgt.

Das war nicht gut. Gar nicht gut.

Das Sirenengeheul hallte weit durch die sonst fast lautlose Nacht. Und zwar so laut, dass es ihm in den Ohren wehtat.

Aber Rückzug war nun keine Option mehr. Er musste seinen Einbruch also beschleunigen und konnte mit etwas Glück die Alarmanlage abschalten, sobald er im Haus war.

Also stellte er sich seitlich zur Tür, drehte den Kopf weg, um sein Gesicht zu schützen, und ließ das Stemmeisen in einem schönen runden Bogen gegen die Scheibe krachen.

Lerneffekt Nummer zwei: Die Glastüren reicher Leute lassen sich nicht so einfach einschlagen.

Das Eisen prallte von der Scheibe ab und kam mit einer solchen Wucht zurück, dass es ihn beinahe am Bein getroffen hätte.

Fluchend schlug er noch einmal zu. Und noch einmal. Und noch einmal.

Aufgrund der heulenden Alarmanlage war es nun wirklich nicht mehr so wichtig, auf Geräusche zu achten.

Der dritte Schlag brachte endlich wenigstens einen Achtungserfolg. Wie ein Spinnennetz erschien der erste Riss auf der Scheibe und weitete sich beim vierten Schlag sogar etwas aus.

In seinem Eifer vergaß er fast alles um sich herum und nahm die Bewegung an der Hausecke nur zufällig wahr.

Eines dieser Monster tauchte auf und bewegte sich taumelnd, aber zielstrebig auf ihn zu!

Er erstarrte einen Augenblick vor Angst.

Was sollte er tun?

Wo konnte er hin?

Fast geistesgegenwärtig zog er sich zurück und wich Schritt für Schritt vor der Kreatur zurück. Ratlos, ängstlich und verzweifelt starrte er sie an. Das war wohl einmal ein Lehrer gewesen. Vielleicht von einer Berufsschule. Braune, inzwischen schmutzige Cordhosen, ein einzelner Schuh, so eine Art Mokassin. Ein kariertes Hemd und schulterlange, aber bereits lichte Haare, durch die auf dem Kopf eine ganze Menge Kopfhaut schimmerte.

Und diese entsetzlich toten, milchigen Augen.

Mit dem Rücken stieß er gegen einen Widerstand und realisierte, dass es das Klettergerüst war.

Doch das Monster war zu nah. So schnell würde er nicht hinaufkommen. Das röchelnde Biest war bereits fast heran. Voller Verzweiflung holte er aus und ließ das Stemmeisen mit aller Gewalt auf den Schädel des Lehrers hinabsausen.

Mit einem ekelhaften Knirschen knackte der Schädelknochen, und das Monster sackte leblos in die Knie.

Schockiert lachte er auf.

Dass es so einfach sein konnte!

Dann vernahm er das nächste Röcheln. Dieses Mal schräg hinter sich.

Siegessicher hob er das Stemmeisen und erstarrte.

Ein Clown bewegte sich auf ihn zu.

Ein Clown!

Er hasste Clowns. Er hatte sogar wahnsinnige Angst vor ihnen. „Coulrophobie“ hatte sein Therapeut das genannt. Aber eigentlich war ihm völlig egal, wie man das nannte.

Er hasste einfach Clowns.

Punkt.

Ob es da nun einen hochtrabenden lateinischen Ausdruck brauchte oder nicht, war ihm egal. Diese beißenden, vergammelten Ungeheuer wie der Lehrer zuvor machten ihm zwar auch Angst, doch wenigstens hatten die keinen grotesken, übergroßen, aufgemalten Mund.

Seine Angst ließ ihn stocksteif werden.

Der Clown war bereits auf wenige Meter heran.

Die klassische, knallrote Perücke war verrutscht und hing halb im Nacken des ekelhaften Bösewichts. Dafür saß die alberne rote Nase noch an ihrem Platz. Der groteske, rot geschminkte Mund war immer noch rot, doch er war sich nicht sicher, ob das noch Make-up war.

Er spürte, wie sich sein Urin aus der Blase drängte, die plötzlich willenlos einfach aufgab.

Er hasste Clowns.

Doch nun musste er aus seiner Starre erwachen!

Er musste fliehen oder zuschlagen.

Jetzt!

Direkt hinter sich wusste er die Leiter zum Kinderbaumhaus. War das seine Chance?

Er griff zu, ignorierte das ekelhafte Kleben der nassen Hose, zog sich hastig die Leiter hinauf und hockte schon bald auf der kleinen Plattform.

Der Clown streckte seine Arme zu ihm aus, wenn auch etwas unkoordiniert, und versuchte, ihn zu erhaschen. Doch er zog sich zurück. Anscheinend war die Leiter für das Monster zu schwierig, denn es versuchte nicht einmal, sie zu benutzen.

Also schien er erst einmal in Sicherheit zu sein.

Er hockte sich in die Hütte, außerhalb der Sichtweite des Clowns, und begann sich zu beruhigen. Zumindest versuchte er es.

Dann wurde ihm klar, wie albern sein Benehmen war.

Er hatte bereits den Lehrer erschlagen. Was sollte ihm da ein Clown anhaben können?

Mit neuem Mut rappelte er sich wieder auf, verließ die Hütte und kroch auf das kleine Plateau davor.

Noch immer lauerte der Clown vor der Hütte. Als die toten Augen ihn erfassten, begann er aggressiv zu röcheln.

Die heulende Alarmanlage hatte inzwischen noch mehr Monster angelockt, die sich um das Klettergerüst drängten. Doch für ihn gab es nur den Clown, der aus einer schwarzen Masse an Untoten herausragte, als würde ein Scheinwerfer ihn anstrahlen.

Die Angst kroch nicht in ihm hoch. Sie schoss durch seinen Körper und legte anscheinend jedes System lahm.

Er erstarrte augenblicklich und starrte mit aufgerissenen Augen auf das Monster hinab.

Wieder fuchtelten die Arme unkoordiniert herum. Am Rand des Gartens sah er weitere Bewegungen auftauchen. Vermutlich angelockt von der immer noch kreischenden Alarmanlage.

Er musste hier weg.

Bevor sich der Garten noch weiter füllte.

Doch obwohl all diese Gedanken durch seinen Kopf rasten, blieb er stocksteif stehen.

Er fixierte den Clown mit den Augen.

Sein kompletter Bewegungsapparat brachte lediglich ein Zittern hervor. Das Röcheln um ihn herum schwoll an und wurde stärker. Schon streckten sich Hände nach ihm aus.

Er jedoch hatte nur Augen für den Clown.

Mit einem Krachen brach die Rutsche ab und polterte zu Boden. Dann spürte er, wie sich die Plattform bewegte. Sie schwankte unter dem Andrang der Untoten, destabilisiert durch die fehlende Rutsche.

Das nervtötende Heulen der Alarmanlage drang wieder zu ihm durch.

Immer mehr Untote drängten sich an das Klettergerüst. Irgendetwas knackte.

Wirklich?

Ein Knacken?

Konnte er das tatsächlich hören, über die Sirene hinweg, oder bildete er sich das nur ein?

Das ganze Gerüst schien bereits zu schwanken, aber er hatte immer noch nur Augen für den Clown.

Dann spürte er, dass das ganze Gerüst kippte.

Oder bildete er sich das nur ein?

Nein, keine Einbildung.

Ihm wurde bewusst, dass er bereits die Schräglage durch seine Körperhaltung ausglich.

Seine Knie begannen zu schmerzen. Er suchte nach Halt, fand aber keinen.

Dann gab das Gerüst nach.

Kippte einfach.

Er rutschte ab, suchte verzweifelt nach Halt und schlitterte trotzdem auf den Clown zu.

Er sah die weißen, toten Augen.

Die alberne rote Perücke.

Den geschminkten Mund, der sich gierig öffnete, als wolle der Clown ihn damit auffangen.

Dann schloss er die Augen.

Er hasste Clowns.