Welche Farbe hat Gott?

Sommer 1998
Es war heiß in Condino. Ich hatte Papierrollen geladen und machte mich auf den Weg nach Bozen und wusste das ich erst einmal ein bis zwei Stunden durch die norditalienischen Berge kriechen musste, vorbei an schroffen Felsvorhängen, durch schmale Tunnels und über einige Serpentinen.
Die Klimaanlage blies fleissig kalte Luft in die Fahrerkabine und machte die Hitze erträglich. Auch wenn die Gegend in meinen Augen zu den schönsten Europas gehört, so wird es doch manchmal ganz schön langweilig durch die Berge zu kriechen. Meine Kenntnisse der italienischen Sprache reichten bei weitem nicht aus um die Beiträge im Radio zu verstehen, die Sonne blendete, und ich war schon einige Stunden unterwegs. Also war der Launefaktor ziemlich weit unten, obwohl ich frisch geduscht war.
Das elektrische Tor der Papierfabrik öffnete sich und ich lies den LKW anrollen. Nach wenigen Metern sah ich am Straßenrand einen Anhalter stehen. Seine Haare waren schon sehr dünn und weiss, aber die, die noch da waren hingen bis auf die Schultern. Ein dichter schneeweißer Bart verhüllte das Kinn. Der Körper des Mannes, vom Alter schon leicht gebeugt, steckte in der Kutte eines Bettelmönches. Sie war schon zerschlissen und wurde von einer einfachen Kordel gehalten. An den Füssen trug er einfache Sandalen.
Eigentlich war es uns verboten Anhalter mitzunehmen, doch zum einen hoffte ich auf ein interessantes Gespräch, zum anderen war mein Chef katholisch. Also sah ich kein Problem.
Ich hielt an, beugte mich hinüber und öffnete die Beifahrertür. Mit einem freundlichen Lächeln kletterte der alte Mönch in meine Kabine, und ich sah über seinem Bart zwei lustig blinzelnde Augen, die von Lachfalten gerahmt wurden.
Er sah sich in meinem Wagen um, und fragte mich dann in perfektem deutsch, wieso ein deutscher Fahrer in einem italienischen LKW führe. Ich erklärte es ihm, und es entspann sich ein langes, und für mich recht beeindruckendes Gespräch. Josef (er meinte ich solle auf Vater oder Bruder verzichten ) erzählte mir von seinem Leben als Wandermönch. Gott habe ihn dazu berufen durch die Welt zu ziehen, und statt nach Reichtum zu streben solle er die Menschen auf den richtigen, auf Gottes Weg bringen.
Indes er dies sagte, schauten mich seine listigen Augen von der Seite her an, und plötzlich sagte er:" Du glaubst nicht an Gott. Du glaubst das ich mein Leben verschwende. Stimmts?"
Ich war überrascht. Das war nicht unbedingt das was ich wirklich glaubte, aber so ungefähr traf es zu. Ich sagte ihm, was ich denke. Das jeder Mensch für sich selber entscheiden müsse, ob er an Gott glaube, oder an Allah oder meinetwegen auch an Manitou. Josef quittierte das mit einem Kopfnicken, und meinte:
" Gott gab jedem Menschen die freie Entscheidung. Er bevormundet die Menschen nicht, sondern er lässt ihnen einen freien Willen. So soll es sein. Wie stellst Du ihn dir vor, diesen Gott?" Ich wusste nicht recht was er nun von mir wollte. " Beschreib ihn mir."
" Na, wenn es ihn gibt, ist er wahrscheinlich ein alter, grauhaariger Mann."
" Und die Hautfarbe?"
" Bitte?"
" Welche Hautfarbe hat Gott?"
Ich schwieg.
Ich schwieg, weil ich mich nicht traute, die Wahrheit zu sagen. Natürlich stellte ich mir Gott mit einer weißen Hautfarbe vor, so wie das wohl jeder Weiße macht, und so wie er seit Jahrhunderten gemalt wird. In Sekunden gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Natürlich wurde Gott immer als weißer Mann dargestellt, was wäre wohl passiert, wenn Michelangelo an die Kirchendecke einen schwarzen Gott gemalt hätte?
" Du stellst ihn Dir als weißen alten Mann vor, und das ist wohl auch in Ordnung. Gott ist immer so, wie die Menschen ihn brauchen. Die Schwarzen glauben an einen schwarzen Gott, die Weißen an einen weißen Gott, die Roten an einen Roten und so weiter. Das liegt wohl daran, das sich keiner vorstellen will, an einen Gott zu glauben, der eine andere Hautfarbe hat. Und daher ist Gott wie man ihn sich vorstellt. Wer wollte entscheiden, wie er wirklich aussieht."
Ich war beeindruckt- und schwieg.
Wer mich kennt, weiß was das heißt.
Josef begann nun zu erzählen. Er erzählte mir von seinem Gott. Er glaubte auch nicht daran, das es wichtig sei, jeden Tag zwei- oder dreimal zu beten. Er tat es, aber er habe ja auch die Zeit dazu.
" Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wenn es dein Wille ist, unterwegs zu sein, dann ist das deine Bestimmung, und dann sollst Du ihr folgen. Wenn es dein Wille ist, irgendwo zu bleiben, dann bleib irgendwo. Nicht Gott hält die Welt in Bewegung, sondern die Menschen, die auf ihr leben. Sie bestimmen das Schicksal dieser Welt."
Josef erzählte mir von seinem Gott, und die Zeit flog für mich dahin. Letztlich kamen wir an den Punkt, an dem es hieß: Abschied nehmen. Ich hielt, Josef öffnete die Tür, und reichte mir seine Hand. Ich drückte sie, und er fragte mich:
" Du magst deinen Beruf?" Ich nickte.
" Und Du bist mit deinem Leben zufrieden?" Ich überlegte kurz und kam zu dem Schluss, das ich eigentlich ganz zufrieden sein könne, denn bisher tat ich immer was mir Spaß machte. Das sagte ich ihm.
" Dann bist Du ein glücklicher Mensch. " Er lachte auf schlug ein Kreuzzeichen in meine Richtung, so als segne er mich, dann stieg er aus, und schloss mit einem freundlichen Lächeln die Beifahrertür. Mein LKW ruckte an, und nahm wieder Fahrt auf. Im Anrollen suchte ich ihn im Rückspiegel, fand seine Gestalt, und nahm dieses Bild als Erinnerung mit.
Obwohl mich nach dieser Begegnung auch nicht gewundert hätte, wenn sein Bild im Spiegel nicht erschienen wäre.
Aber er stand wieder am Straßenrand. So, wie ich ihn traf. Heute denke ich noch oft an ihn. Ich glaube, ich traf nie wieder einen so zufriedenen Menschen.
Und 10 Jahre nach dieser Begegnung muss ich sagen: Josef machte seinen Job gut. Noch immer geht mir diese Begegnung durch den Kopf. So dann und wann.


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