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  • Leseprobe: Generation Z

    Träge plätscherte das Wasser von der Balkonkante über ihm, traf auf die Steinfliesen der Terrasse und jeder einzelne Tropfen zersprang in viele einzelne, kleinere Tröpfchen.

    Der Regen hatte bereits vor einigen Minuten aufgehört, noch trieben dunkle Wolken über die bewaldete, kahle Höhe gegenüber, aber zwischendurch brachen ein paar Sonnenstrahlen hindurch und strichen wie Leuchtfinger über die feuchten, laublosen Wälder.

    Auf der Wiese im Garten zeigten sich erste Schneeglöckchen. Der Frühling kam in großen Schritten. Wenn er sich nicht verrechnet hatte, war es Anfang März. Der Rauch seiner Zigarette kräuselte durch den Rahmen der Kellertür, zog unter dem Balkon nach oben. Dieses Laster würde ihn eines Tages umbringen.

    Vielleicht.

    Zumindest, wenn er lange genug lebte. Bei dem Gedanken zog ein bitteres Lächeln über sein Gesicht und er drückte die Zigarette in den feuchten Aschenbecher, wo sie mit einem leisen Zischen erlosch. Noch immer war es für ihn erstaunlich, wie intensiv selbst leise Geräusche geworden waren. Es gab einfach kein zivilisationsbedingtes Hintergrundrauschen mehr, welches früher irgendwie alles überlagerte.

    Auf der Ladefläche des rostenden Kleintransporters, der in das Schaufenster auf der anderen Straßenseite gekracht war, sammelte sich Regenwasser, in dem vereinzelte Eisschollen schwammen.

    Drei Tage hatte es gedauert bis er genervt genug war, hinüber zu gehen und dem eingeklemmten Fahrer einen Schraubenzieher in den Kopf zu rammen. Während des Winters war der Geruch erträglich gewesen, aber jetzt, da es langsam wärmer wurde, nahm auch die Verwesung zu.

    Sicher würde der Geruch in einigen Tagen so schlimm sein, dass es nicht auszuhalten wäre. Vielleicht sollte er rübergehen, die Überreste herausziehen und auf alten Möbeln und Matratzen verbrennen. Am besten, bevor es zu stark zum Himmel stank.

    Langsam wurde es dämmrig und im Westen zog sich ein dunkelrotes Glühen über den Himmel. Er beschloss, es sei ein guter Tag für einen Drink. Die Flaschen hatte er im Herbst in einer Gaststätte irgendwo im Wald, in einer dieser alten Wanderhütten, gefunden. Eine dieser kleinen Gaststätten im Wald, meistens von Wandervereinen betrieben, um hungrigen Wanderern Obdach und Speisen zu bieten. Er ging zu dem rostigen Kellerregal, in dem er die Vorräte lagerte, entschied sich für einen Gin und schenkte sich großzügig ein.

    Der Schnaps schmeckte scharf nach Wacholder und brannte in der Kehle, das aufkommende Sodbrennen ignorierte er und zündete sich eine weitere Zigarette an.

    Dass beides nicht gut für ihn war, wusste er. Doch in diesen Zeiten bestand die Krebstherapie wohl darin, sich rechtzeitig eine Kugel in den Kopf zu jagen bevor es zu übel wurde. Da er seit Monaten keine anderen Menschen gesehen hatte und er auch nicht wusste, ob es da draußen überhaupt noch Menschen gab, schien es ihm überflüssig, auf eine gesunde Lebensweise zu achten. Jahrelang hatte er dies Genevieve zuliebe getan.

    Wenig Kohlehydrate, wenig Cholesterin, kein Alkohol mehr und nur noch wenige Zigaretten. Nun fragte er sich, wofür er sich das alles auferlegt hatte.

     

    Genevieve war wohl lange schon tot- oder noch schlimmer. Die Rauchfahnen, in denen die Zivilisation um ihn herum versunken war, hatten wochenlang am Himmel gestanden.

    Ständig fing irgendetwas Feuer.

    Während Zweibrücken zum Teil ausgebrannt war, hatte er gespannt und fluchtbereit abgewartet, ob das Feuer sich vielleicht ausbreitet. Aber der viele Regen hatte wohl schlimmeres verhindert.

    Dennoch prüfte er noch immer jeden Morgen, ob es neue Rauchfahnen in der Umgebung gab.

    Als der erste Schnee gefallen war, gab er die Suche nach Genevieve auf und war nach Hause zurückgekehrt. Monatelang hatte er gesucht.

    Immer wieder Sprit gefunden für den alten Land Rover, im Wagen geschlafen, weitergesucht.

    Bis nach Bar-le-Duc, Genevieves Heimatstadt, waren es früher einmal drei Stunden Fahrt. Heute brauchte man dafür durchaus mal ein paar Tage.

    Aber auch hier war Genevieve nicht zu finden. Nur ihre Eltern hatte er angetroffen, eigentlich eher das, was aus ihnen geworden war. Als er es beendete dachte er daran, dass ihre Mutter ihn nie gemocht hatte, schon wegen seiner deutschen Herkunft.

    Dennoch tat ihm sehr leid, was er tun musste. Marie hatte letzten Endes nur ihre Tochter geliebt.

     

    Das Labor bei Ramstein, in dem sie gearbeitet hatte, fand er schon vorher völlig ausgebrannt und verlassen vor. Nicht einmal welche von “den Anderen” waren zu sehen gewesen. Lediglich einige grauenhaft entstellte Tote, einige von ihnen zeigten deutliche Zeichen von Suizid.

    So lief das in diesen Zeiten. Wer irgendwie konnte, sorgte sich selber darum, dass er nicht zu den Anderen wurde. An die Air Force Base hatte er sich nicht so nah herangetraut. Das erschien ihm damals einfach zu gefährlich.





    Das letzte Mal hatte er Genevieve an dem Morgen gesehen, als die Dinge eskalierten.

    Die Nachrichten waren schon ein paar Tage lang voll mit beunruhigenden Meldungen über Angriffe von angeblich Grippekranken. Zuerst hieß es, die Sicherheitskräfte hätten alles im Griff. Dann sollte die Bevölkerung vorsichtig sein, die Fahrzeugtüren verriegeln und wenn möglich daheimbleiben. Danach wurde der Ausnahmezustand verhängt. Genevieve hatte eine Ausnahmegenehmigung erhalten und durfte weiter zur Arbeit, er dagegen musste zu Hause bleiben. Da wurde ihm das erste Mal bewusst, dass seine Frau vielleicht doch mehr als nur eine Ärztin war. Doch sie schwieg dazu nur. Bis dann der seltsame Anruf kam und sie ihn bat, alles zu verriegeln und auf keinen Fall das Haus zu verlassen.

     

    "Wir haben genug Vorräte, am besten bleibst du im Keller und verhältst dich erst einmal still."

     

    “Was ist denn da los? Und was zur Hölle hast du damit zu tun?”

     

    “Ich kann dir das nicht sagen, Chris. Mach einfach, was ich gesagt habe. Bitte! Ich versuche zu erreichen, dass man dich abholt oder so. Aber jetzt, bitte, geh in den Kel…” Es knackte kurz und das Gespräch wurde unterbrochen. Christopher fühlte sich ein wenig wie in einem schlechten Thriller.

    Ein Rückruf war nicht möglich, da das Netz entweder überlastet oder nicht erreichbar war. Ja, Vorräte waren da. Genevieve war lange bei Einsätzen in Afrika gewesen und hatte erlebt, was Epidemien anrichten können. Daher hatten sie immer genug Vorräte im Haus.

    Vorräte und Waffen.

    Er war kein Freund dieser Waffen, aber da es seiner Frau wichtig war, hatte er der Anschaffung zugestimmt. Dazu kam, dass ihm die Übungen mit dem Compoundbogen auch Spaß machten und er sich nach einer Weile sogar als talentierter Schütze erwies. Nach ihrem Anruf hatte er eine Weile überlegt, was er tun sollte.

    Der Keller war von der Küche aus erreichbar, besaß aber auch einen eigenen Eingang zum Garten hin. Er hatte ein eigenes kleines Bad in dem neuen, vorderen Teil aus den achtziger Jahren. Christopher hatte die alten grünen Fliesen gern als “Gelsenkirchener Barock” bezeichnet und eigentlich den Plan gehabt, diesen Raum zu modernisieren. Aber zu mehr als einem dieser modernen, heizbaren Spiegel war es nie gekommen. Der hintere Teil wurde offensichtlich schon im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert erstellt und wies noch eine Gewölbebauweise aus rotem Sandstein auf. Der Vorteil war hier durch die gleichbleibenden Temperaturen gegeben. Das alles waren Vorteile, die Genevieve bei der Besichtigung sofort erkannte, ihn dagegen interessierte nur die Möglichkeit, ein Arbeitszimmer im ersten Stock einzurichten. Monatelang hatten sie an dem Umbau gearbeitet, um alles so einzurichten wie es ihnen gefiel. Als Journalist und Autor konnte er von zu Hause? aus arbeiten so oft es ihm gefiel und Genevieve wollte keine Kinder.

    Also ging er wieder hinauf in das Arbeitszimmer, nahm seinen Laptop und obwohl es ihm albern und unwirklich erschien, versuchte er im Keller zu arbeiten. Doch es gelang ihm nicht. Immer wieder glitten seine Gedanken ab. Genevieve und der Gedanke daran, wo sie war und wie und ob sie heimkommen würde, beschäftigten ihn einfach zu sehr. Er fragte sich, was da los war und was Genevieve damit zu schaffen hatte. Er hatte sich nie genug für ihre Arbeit interessiert und sie nicht viel darüber erzählt.

     

    Genevieve war Mikrobiologin, das sagte zumindest die Urkunde von ihrem Abschluss an der Uni in Metz. Er erinnerte sich, dass sie sich wirklich selten darüber unterhalten hatten, was genau sie da in ihrem Labor eigentlich tat.

    Mit dem Glas in der Hand sah er sich um. Sein Blick fiel auf den Reisepass im Regal und er nahm das alte Dokument, um sich noch einmal die Stempel anzuschauen und sich an frühere, bessere Zeiten zu erinnern. Das war der einzige Grund, warum er den Pass noch besaß. Die Erinnerungen.

    Auf der ersten Seite stand sein Name. Ihm wurde schmerzlich bewusst, den Namen schon sehr lange Zeit nicht mehr gehört zu haben.



    “Christopher Stern", murmelte er. Seit Monaten versteckte er sich daheim, seit Wochen betrat er nur noch den Keller.